Versuch einer Bisonrettung - 25. April 2007

Bisons beeindrucken mit ihrer kraftvollen Erscheinung, tiefbraunen, wachen Augen, zottigem und doch feinem Fell und der fast unbeeinflussbaren stoischen Ruhe. Ein ausgewachsenes Bison erreicht ein Gewicht von 1'200 - 1'500 kg und ein Stockmass von bis zu 1.8 m.

Bisons haben eine faszinierende Geschichte vom einst zahlreichsten wildlebenden Huftier über die Beinahe-Ausrottung zu aktuell weltweit über 1 Mio Tiere. Heute leben sie hauptsächlich in Parks oder Farmen oder wie auf dem Hofgut Farnsburg (BL) in halbextensiver Haltung, wo sie auch in unserem Land einen Lebensraum gefunden haben. Lange Wanderungen der donnernden Herden werden aber wohl für immer der Vergangenheit angehören.

Davon gingen wir in der Verbunds-Feuerwehr Farnsburg aus, als wir uns in den vergangenen Jahren anlässlich von Besichtigungen und Übungen auf dem Gut befanden.

Durch eine Unaufmerksamkeit waren beide Absperrgitter der Schleuse des Einganges zur Weide der Bisons einen kurzen Moment offen und die Tiere entwichen ihrem mit 1.30 m hohen gesicherten Gehege.

Am Mittwoch, 25. April 2007, um 17.14 Uhr erhielt der Kommandant der Verbundsfeuerwehr Farnsburg, Hptm T. Nyffeler den Einzelruf „Rückruf Alarmzentrale“, was üblicherweise auf einen Bagatelleinsatz hindeutet.

Aufgrund der Meldung der Alarmzentrale (AZ) Gutsmatten "6 ausgerissene Bisons auf dem Hof Farnsburg in Ormalingen" wurde nach Absprache mit dem Eigentümer des Hofs die erste Alarmgruppe bestehend aus 18 AdF aufgeboten. Die Grösse des Aufgebotes basierte auf den Stärken Flexibilität einer kleinen Einsatzgruppe und Gefährdung der Einsatzkräfte bei einem zu grossen Aufgebot.

Die anfängliche Einsatzleitung wurde durch einen ortsansässigen, erfahrenen Landwirt, Lt F. Rieder übernommen. Bereits auf der Fahrt zum Einsatzort blieb der spätere Einsatzleiter (EL) mit dem Einsatzleiter in Kontakt.



Am Einsatzort angekommen verschaffte sich der neue Einsatzleiter einen Überblick vom Ereignis und von den Gefahren. Die sechs Bisons (Leitkühe + Jungtiere) waren von Ormalingen über Hemmiken nach Wegenstetten und Hellikon gelangt, wo sie sich zum Zeitpunkt im Gebiet Sonnenhof aufhielten und ruhig waren.

Der Kommandant der FW Wegenstetten wurde via die Alarmzentrale Schafisheim über das Ereignis informiert und für ein eventuell erweitertes Aufgebot vorinformiert.

Alle Einsatzmittel Atemschutzbus (AS), Mehrzweckwagen (MeWa), Hilfeleistungsfahrzeug (HLF), 6 PWs, 1 Quad (Vierradtöff), 4 Traktoren (2 mit Anhänger) wurden auf dieses Gebiet konzentriert mit dem Ziel, die Bisons vom Dorf Hellikon fernzuhalten. Beim Zusammenzug der Mittel entdeckten wir drei weitere Bisons (Bulle und zwei Kühe), die sich auf der Flucht von der Herde getrennt hatten, im Gebiet Wegenstetten, was eine neue Situation ergab (zweiter Aufenthaltsort, geteilte Herde). Die diesbezügliche Info an die beiden AZs erfolgte umgehend.

Vom Bullen (ca. 1200 kg) ging durch seine Kraft und Temperament die grösste Gefahr aus. Der Versuch, die drei Tiere ins Gehege zurückzutreiben scheiterte. Aufgrund der Nähe zum Dorf Wegenstetten und der darausfolgenden Gefährdung der Bevölkerung im Fall eines Galoppierens entschloss sich der EL mit dem Besitzer kurz nach 19 Uhr, den Bullen und die zwei Kühe im Gebiet Mühlehof durch den Besitzer und einen erfahrenen Jäger zu erlegen.

Parallel erhielt der EL die Aussage von Spezialisten der Zoos Basel und Zürich, dass die Narkotisierung bei diesen Tieren nicht in Frage käme, da das Gewicht der Tiere aufgrund des Fells ungenau geschätzt und die Dosis des Narkosemittels nicht bestimmt werden kann. Eine zu geringe Dosis hätte eine zusätzliche Gefahr bedeutet, eine zu hohe Dosis hätte die Tiere ebenfalls erlegt und den Verwertungsertrag gänzlich ausfallen lassen. Ebenfalls war auch das Gegenmittel (Antidot) nicht in ausreichender Menge verfügbar (weder für die Tiere noch für die Helfer im Fall einer unfallbedingten Intoxikation).
Eine erneute Information an die beiden involvierten AZs über die Schussabgabe erfolgte. Ebenfalls liess der EL umliegende Landwirtschaftsbetriebe informieren und das Gebiet absperren. Da die Situation in diesem Moment unter Kontrolle war wurde darauf verzichtet, die Einwohner/innen von Hellikon und Wegenstetten zu informieren, da keine Gaffer angelockt und gefährdet werden sollten.

Die Tiere wurden nach dem Erlegen sofort durch den Eigentümer gestochen, auf einen Wagen verfrachtet und in Frick notgeschlachtet.

Nun konzentrierte sich der EL wieder auf die ursprüngliche Gruppe der sechs Bisons beim Sonnenhof, die sich nach wie vor sehr ruhig verhielten. Die Tiere hatten Respekt vor in bewegung stehenden PW's und bis auf fünf Meter liessen sie diese an sich heran. Mit den PWs sollten die Tiere in eine bestehende Weide getrieben werden. Absperrgitter und div. Material zum Erstellen eines Eingangstrichters wurden organisiert. Die Topografie (steiler Abhang auf der einen Seite) kam dem Unterfangen zu Hilfe, die PWs mussten nur links und hinter der Herde herfahren. Aufmerksam geworden durch das Abladen der Absperrgitter wurde die Leitkuh nach einer halben Stunde unruhig und versuchte auszubrechen, was ihr schliesslich auch gelang.
Ebenfalls lösten Kleinflugzeuge, die vom Flughafen Schupfart aus starteten wiederholt Unruhe in der Herde aus. Die EL beschloss um 19.25 Uhr, die Flugroute Richtung Wegenstetten einzustellen.
Ein Elektrozaun hielt die Leitkuh noch einige Minuten auf, doch mit einem Sprung aus dem Stand überwand sie den 90 cm hohen Zaun und galoppierte davon. Die anderen Tiere rannten blind durch den Zaun, hatte damit den Respekt vor diesem verloren und liessen sich dadurch auch im weiteren Verlauf des Einsatzes nicht mehr stoppen. Im vollem Galopp donnerte die Gruppe Richtung Wegenstetten, wo sie sich einen Moment aufhielt um dann die Fluchtroute wieder via Stygenholden nach Hellikon Richtung Dorf zu wechseln.
Durch rasante "Absperrungen" mit Fahrzeugen konnten die Bisons wieder vom Dorf weggetrieben werden Richtung Wydenmatt. Dort kamen sie wieder zum Stillstand und wurden in einem alten Bachbett eingekesselt. Auch diesmal kam der Wald auf der einen Seite zu Hilfe. Erneut wurde versucht, mit Gittern einen Trichter zu formen, der in einem Tiertransporter mündete. Wieder entstand durch das Abladen der Gitter Unruhe in der Herde und Ausbrechversuche wurden durch PWs verhindert.

Die Kantonspolizei Aargau kam um 20.15 Uhr mit 2 Mann vor Ort und wurde über das Vorhaben informiert. Nach zwanzig Minuten konnten die Tiere langsam Richtung Anhänger getrieben werden. Die Unsicherheit des Vorhabens bestand in mehreren Punkten: Da die Tiere keine Anhänger kannten wusste niemand, wie sie darauf regieren würden. Würde die Leitkuh so lange im Wagen bleiben bis die restlichen Tiere folgen würden ? Würden wir die Tore schnell genug von aussen verschliessen können ? Waren die Wände des nach oben offenen Wagens genug hoch und stabil, dass sie nicht auf dem Weg durch bewohntes Gebiet ausbrechen könnten ?

Bis auf einen halben Meter begaben sich die Tiere an die Rampe heran und bei den AdFs kam erneut die Hoffnung auf eine erfolgreiche Rettung auf. Doch der Lebenswille und die Kraft der Tiere besiegte auch diesen Versuch. Die Leitkuh zwängte Ihren Kopf zwischen die Gitter und bahnte sich so den Weg in die Freiheit erneut. Einen kurzen Moment hielten alle im Einsatz stehenden AdFs und der Besitzer bedrückt imponiert inne.

Als sich die Tiere nach erfolglosen Umkehrversuchaktionen mit PWs in den Wald begaben, begann es einzudunkeln. Um die Tiere nicht aus den Augen zu verlieren wurde die Wärmebildkamera eingesetzt und das Waldstück in einem genügend grossen Abstand umzingelt.

Die Herde hatten sich wieder aufgeteilt, in zwei Dreiergruppen. Der Entschluss, die zwei Gruppen wieder Richtung Sonnenhof zusammenzubringen misslang; die Tiere galoppierten nun kreuz und quer über Feld und Wiese.

Im Zuge der Dunkelheit und zur Sicherheit der Allgemeinheit beschloss der Besitzer der Tiere mit dem EL um 21.20 Uhr die sechs Bisons zu erlegen. Via Funk gab die Einsatzleitung den Befehl zur Zurückhaltung und Wahrung des Sicherheitsabstandes. Auf dem offenen Feld gab es für die beiden Schützen wenig Referenzpunkte. Die Tiere gingen schlussendlich wieder Richtung Mühlehof, welcher für die Schützen ideal war, da durch eine Mulde ein Fehlschuss oder Querschläger niemanden gefährden könnte.

Es war für die erschöpften AdFs schwer mitanzusehen, wie der Besitzer sein eigenes Lebenswerk Schuss um Schuss zerstören musste, 15 Jahre Zucht einfach auslöschte. Die Enttäuschung der Helfer/innen war allen Anwesenden in die Gesichter geschrieben. Jeder der AdFs war bei diesem Einsatz, der sich über 4.5 h innerhalb eines Luftlinieradius von immerhin 4.2 km erstreckte an seine Grenzen gestossen.

Die Meldung über den Abschluss des Einsatzes wurde an die Alarmzentralen BL und AG um 21.42 Uhr gemacht.


Fragen
-    zureichende Alarmierung Alarmstelle - 1 Person Einzelruf ?
-     hätten vorgängig Bisons als Gefahrengut/Gefahrenpotential erkannt werden sollen - hinterlegen Vorgehen/Profis (Narkotisierung etc.)
-     Im Bezug auf die Ortskenntnisse wäre es evtl. sinnvoll gewesen, das zuständige Kommando der Feuerwehr Wegenstetten aufzubieten.


Positives Fazit:
-     stetige Absprache, Entscheid, Rücksprache mit Eigentümer Hof
-     obwohl die Tiere erlegt werden mussten sind die Einsatzkräfte zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen und niemand ist zu Schaden gekommen


Link: www.feuerwehr-farnsburg.ch